
Erst die Gurken, dann Tomaten und Salat, schließlich die Sprossen - ausgerechnet dort, wo Sicherheit groß geschrieben werden sollte, ausgerechnet in Fragen der Lebensmittelsicherheit, herrscht Verunsicherung. Und dies nicht erst seit EHEC. Die Liste der Lebensmittelskandale ist lang: Frostschutzmittel im Wein, BSE, Gammelfleisch, dioxinbelastetes Viehfutter, Mäusekot im Mozzarella - immer öfter müssen sich die Behörden, die für Lebensmittelsicherheit zu sorgen haben, mit der Bewältigung von Krisen beschäftigen.
Ob bei den laufenden Untersuchungen über den Übertragungsweg (die Sprossen) hinaus auch der Ursprung des EHEC-Durchfallerregers jemals aufgeklärt werden kann, ist nicht sicher. Solange aber seine Herkunft nicht eindeutig nachgewiesen ist, machen skurrile Erklärungen die Runde. Den Vogel hat die Bild-Zeitung abgeschossen: Die Spur des Todeskeims führe nach Afrika, titelte das Boulevardblatt, "ein extrem gefährliches Bakterium aus Zentralafrika, das blutige Darmentzündungen verursacht, paarte sich mit dem in Deutschland bekannten EHEC-Erreger".
Statt den Ursprung des Unheils in Afrika zu wähnen, ist es höchste Zeit, über die eigenen Lebenswelten nachzudenken. Denn das steht fest: auch die hiesigen Mikroorganismen passen sich an veränderte Umweltbedingungen an, sie variieren ihr Erbgut und suchen sich neue Übertragungswege. Im Falle von EHEC ist es ganz offenbar zu einem Gentransfer zwischen verschiedenen Erregerstämmen gekommen, was sowohl im menschlichen Umfeld als auch in Rindern stattgefunden haben könnte.
Und so führt die Spur eher zu uns selbst: in die Viehmast beispielsweise, wie es ein Blogger im "Ärzteblatt" nahelegt, oder in Krankenhäuser, Arztpraxen und private Haushalte, wo Krankheitskeime permanent mit allerlei Chemikalien, Desinfektionsmitteln oder Medikamenten in Berührung kommen - und der Selektionsdruck groß ist. Auch der aktuelle EHEC-Erreger verfügt über Gene, die ihn gegen Antibiotika schützen. Bakterien dieses Typs, so Helge Karch, der Leiter des Münsteraner Instituts für Hygiene, seien gegen Antibiotika resistenter geworden. Und so ist nicht auszuschließen, dass der massive Einsatz von Antibiotika in Landwirtschaft und Humanmedizin zum Entstehen des EHEC-Erregers beigetragen hat.
Nachzudenken ist deshalb über den allzu sorglosen Umgang mit Antibiotika, die nicht selten völlig unsachgemäß schon bei leichten Erkältungen oder Bauchgrimmen verordnet und eingenommen werden. Dabei spielen die Erwartungshaltungen der Patienten, ärztliche "Traditionen" und das Marketing der Pharmaindustrie eine nicht unwesentliche Rolle. Franzosen beispielsweise konsumieren dreimal soviel Antibiotika wie Holländer. In China sollen heute 30 -40 Prozent aller eingesetzten Medikamente Antibiotika sein. In den USA ist die Hälfte des Antibiotikaeinsatzes medizinisch unbegründet. Arzneimittel lassen sich Patienten unmittelbar in Rechnung stellen; die Förderung eines rationalen Umgangs mit Arzneimitteln und die Kontrolle der Infektionswege dagegen erfordern Aufklärung und öffentliches Engagement.
Der übermäßige Gebrauch von Antibiotika ist höchst problematisch: Durch ihn wird die Resistenzentwicklung von Krankheitskeimen beschleunigt. Die Wirksamkeit von Antibiotika aber ist nicht irgendetwas: sie ist ein bedeutsames Gemeingut, eines, das über Leben und Tod entscheiden kann und deshalb der Allgemeinheit gehört. Zu den Eigentümlichkeiten diese Gemeingutes zählt, das es nur begrenzt vorhanden ist und mit jeder, vor allem mit jeder unsachgemäßen Einnahme von Antibiotika auch deren Wirksamkeit aufgebraucht wird. Die Welt steuere auf ein "post-antibiotisches Zeitalter" zu, so kürzlich die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan.
Unter solchen Umständen ist absolut unverständlich, dass in Europa noch immer etwa 50 Prozent aller Antibiotika in der Tierzucht eingesetzt werden. Zwar hat die EU 2006 ein Verbot von Antibiotika als Futtermittelzusatzstoff erlassen, doch werden Antibiotika weiterhin großflächig veterinärmedizinisch eingesetzt, sozusagen zur Vorbeugung von Krankheiten, aber noch immer mit dem willkommenen Begleiteffekt eines beschleunigten Fleischwachstums. Und der zahlt sich aus. US-Wirtschaftsforscher haben errechnet, dass sich der Profit der Viehzüchter durch den Einsatz von Antibiotika um rund neun Prozent steigern lässt. Was Wunder, wenn Anfang des Jahres wieder die Warnung vor vermehrt mit Antibiotika verseuchtem Hühnerfleisch die Runde machte. Ganz offenbar werden noch immer Antibiotika unerlaubt zur Wachstumssteigerung in der Viehmast eingesetzt, das Gemeingut Antibiotikawirksamkeit zur unmittelbaren Profitsteigerung privat angeeignet.
Es ist gut, dass derzeit über eine grundlegende EU-Agrarreform nachgedacht wird. Ein Systemwechsel ist vonnöten, weg von einer weiteren Industrialisierung der Landwirtschaft hin zu einer am Gemeinwohl orientierten bäuerlichen, fairen, tier- und umweltgerechten Landwirtschaft, verlangt beispielsweise die "Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft" (www.abl-ev.de): Fruchtfolgen statt Monokulturen, eigener Anbau von Eiweißpflanzen statt Gentechniksoja aus Übersee, der Erhalt von Grünland und Weidevieh. All das aber wird nur gelingen, wenn auch das bisherige System der EU-Agrarsubventionen grundlegend verändert wird. Solange er der mächtigen Agrarlobby gelingt, dass monokulturelle Großbetriebe das Gros der Zahlungen einstecken, bleiben kleinbäuerliche Betriebe auf der Strecke. Erst das Ende der bestehenden Subventionspraxis eröffnet die Chance auf Veränderung - die ganz nebenbei auch dafür sorgen würde, dass afrikanische Landwirte wieder konkurrenzfähig Gemüse produzieren könnten. Womit wir dann doch in Afrika wären, dessen Unheil allerdings zu einem gerüttelt Maß aus Europa kommt.
